Antje S.

Am 27. Oktober 2016 jährte sich zum vierten Mal ein in vielerlei Hinsicht besonderer Tag für Antje S. Es war kurz vor Mittag, als Antje damals nur schnell noch Rosenkohl für das Mittagessen kaufen wollte. Vor kurzem hatte sie ihren Job gewechselt – viel Neues lag vor ihr.
Normalerweise setzt Antje immer ihren Helm auf – doch diesmal holte sie nur schnell ihr Fahrrad aus dem Keller und fuhr los. Das Letzte, woran sich Antje erinnern kann, ist das Geräusch eines aufheulenden Motors, das sie hinter sich hörte. Drei Tage später wachte Antje im Krankenhaus Bergmannstrost wieder auf.

„Mein Wissen über den Unfall habe ich nur aus der Aktenlage“, sagt sie zu uns in unserem Gespräch. Wir sitzen in ihrem gemütlichen Wohnzimmer an jenem Freitag Mittag. Mit ungefähr 100 km pro Stunde sei das Auto durch die Geiststraße gebraust, so dass die Menschen auf die Gehwege flüchteten. Antje wurde von dem Fahrer, der unter Alkohol- und Drogeneinfluss stand, von hinten erwischt. Mit seinem BMW blieb der junge Mann kurze Zeit später an einem Lichtmast hängen.
Antje aber flog mit ihrem Fahrrad meterweit durch die Luft, bevor sie schwerverletzt auf dem Gehweg liegen blieb. Dass sie überlebte, verdankt sie vielleicht auch jenem Rettungsarzt, der zufällig gerade privat in der Geiststraße unterwegs war.

Noch am Unfalltag wurde Antje notoperiert, später folgte eine zweite und eine dritte Operation. „Ich habe gekämpft“, sagt Antje. Am Telefon erfuhr ihr Mann vom schweren Unglück seiner Frau und der ungewissen Prognose. Sechs und acht Jahre alt waren die Kinder damals. Wenige Tage nach dem Unglück hatte die Tochter Geburtstag. Die Geschenke lagen diesmal auf dem Krankenbett der Mutter.

Zugedröhnt mit Schmerzmitteln wurde Antje aus dem Krankenhaus entlassen. Sie fühlte sich rausgeschmissen, sagt sie, unfähig, die vorher einfachsten Dinge allein bewältigen zu können. Alltäglichkeiten wurden zur täglichen Herausforderung, die ohne Hilfe nicht bewältigt werden konnten. Die Krankenkasse bezahlte eine Haushaltshilfe, eine unglaublich große Hilfe für die Familie.
Der Mann reduzierte seine Arbeitszeit, die Schwiegereltern halfen bei der Betreuung der Kinder, die verständlicherweise auch unter der Situation litten.

Ich habe Antje und ihren Weg über Jahre mit verfolgt. Ich sah, wie sie mühevoll und langsam an zwei Krücken, Schritt für Schritt die Straße entlang ging.
„Für eine Strecke von vorher 8 Minuten brauchte ich anfangs eine Stunde“, erinnert sie sich.
Antje ist gläubig. 2001 starb ihr Vater, den sie im Hospiz beim Sterben begleitete. Dort traf sie auf Heinrich Pera, der in ihr ein Pflänzchen pflanzte. Wie viele in dieser Region waren auch Antjes Eltern Atheisten. Bis auf einige Berührungspunkte, wie der weihnachtliche Kirchenbesuch, hatte Antje nur wenig Kontakt zur Kirche gehabt.
Für Antje ist Gott jemand, vor den sie ihre Sorgen tragen kann. Täglich danke sie im Gebet. Gott sei für sie Gefühl, Kraftquelle und der Glaube helfe ihr, achtsam in ihren Handlungen zu sein.
Viele fragten sie in dieser Zeit nach dem Unfall, wie sie noch an Gott glauben könne, wenn ihr so etwas passiert. „Wir können Gott nicht für alles Schlimme verantwortlich machen“, meinte Antje darauf hin. Ein junger Mann, aus einer anderen Gemeinde, der ein Jahr zuvor ebenfalls einen Fahrradunfall erlitten hatte, kam vorbei ,brachte ihr einen Psalm und sagte: „glaube weiter“.

Doch Antje erlebte auch ganz praktische Zeichen voller Mitgefühl und Liebe. Oft kamen Gemeindemitglieder zu Besuch und gingen mit ihr in der klirrenden Kälte spazieren. Antje, eine ehemalige Eisschnellläuferin im Leistungssport, wollte trainieren und übte täglich. Ihre Besucher froren, während Antje schon nach wenigen Metern durchgeschwitzt war.
Die Physiotherapeutin kam anfangs in die Wohnung. „Das war echt toll“, sagt Antje. Als es ihr etwas besser ging, begann der Rehasport. Acht Stunden täglich übte Antje, um wieder laufen zu können. Lange Zeit war es nicht klar, in wie weit sie ihr Bein wieder würde bewegen können.
„Was Du erreicht hast, hätten viele nicht erreicht“, erinnert sich Antje an die Worte der Physiotherapeuten. Es ist ihrem starken Willen und ihrer Ausdauer zu verdanken, dass heute fast alles wieder möglich ist. Sie ließ sich Übungen zeigen und machte zu Hause weiter. „Ich wollte unbedingt wieder richtig laufen“, erzählt sie uns. Schwierig jedoch war der tägliche Weg ins Rehazentrum. Kaum Rücksicht erlebte Antje und nur selten sei jemand für sie aufgestanden. Einmal flog sogar ihre Krücke aus der Bahn, so sehr wurde geschubst. Diese Gleichgültigkeit habe sie entsetzt, so Antje.

Bis heute bekommt Antje Behandlungen und an manchen Tagen merke sie immer noch ihr Bein. Es dauerte lange, ehe sich Antje wieder Fahrrad fahren konnte. Knien und Samba Tanzen geht heute noch nicht. Doch ansonsten ist, vier Jahre nach dem Unfall, fast alles wieder möglich.

Ob man denn auch dankbar für solch eine Lebenserfahrung sein könne, frage ich Antje an diesem Nachmittag in Ihrem Zuhause. „Natürlich“, antwortet sie und dann kommt der Satz der zum Motto dieses Porträts wurde. „Man wächst ja auch an solchen Dingen.“
Heute weiß Antje, die sonst so kontrollierend war, dass die Familie auch ohne sie funktioniert. Sie habe die Lektion gelernt, dass wir über nichts eine Kontrolle haben. Enge Freundschaften seien aus dem Unglück entstanden und es sei ein schönes Gefühl zu spüren, dass ihr Mann diese Zeit mit ihr durchgestanden hat.

Und der Job, den sie damals annehmen wollte? Die neuen Chefinnen hielten an Antje fest, kamen in die Klinik und warteten fast ein Jahr, bis Antje endlich arbeiten konnte. Bis heute ist Antje in dieser Firma. Sie sagt: „es ist toll“.
Ihr Glaube sei durch dieses Erlebnis noch gestärkt worden, wie eine Festung, die nie eine Verunsicherung zuließ. Immer behütet und getragen haben sie sich gefühlt, selbst im tiefsten Leid.
Und der Unfallverursacher? Hat er sich jemals bei Antje gemeldet? „Eine Karte und einen Blumenstrauß hätte ich mir schon gewünscht“, sagt Antje über den Mann, der sich nie bei ihr meldete.

Manchmal hat Antje noch Panik. Das sind jene Momente, in denen sie ein aufheulendes Motorengeräusch hört. Sie hat eine Therapie gemacht und fährt wieder Fahrrad – immer mit Helm.

Anfang des Jahres, nach fast vier Jahren, kam die Summe der Versicherung. „Machen Sie mal was, was Sie schon immer machen wollten“, riet ihr darauf hin die Anwältin. Und das tut sie jetzt. Schon seit ihrer Jugend hat Antje diesen Traum. Mitte Dezember wird sie mit ihrem Mann und den Kindern nach Neuseeland fliegen. Mit einem Wohnmobil werden sie über die beiden Inseln fahren und auf alle Fälle auch die Glühwürmchenhöhle besuchen.

Der Psalm, den Antje damals im Krankenhaus von dem jungen Mann überreicht bekam, ist übrigens der Taufspruch, den ich vor vielen Jahren für meinen Sohn aussuchte. Der Prophet Jesaja, wird im Kapitel 41, Vers 10 mit folgenden Worten zitiert:

…fürchte dich nicht, denn ich bin bei dir; sei nicht ängstlich, denn ich bin dein Gott; ich stärke dich, ich helfe dir auch, ja, ich erhalte dich durch die Hand meiner Gerechtigkeit!

Wir wünschen Antje und ihrer Familie eine wunderschöne Reise und sind jetzt schon gespannt auf ihre Geschichten und Fotos. Vielen Dank.

(Text: Berit Ichite, Fotos: Ricarda Braun)

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