Eine runde Sache

Eine der vielleicht gemütlichsten Straßen von Halle ist die Kleine Ulrichstraße. Dabei ist sie gar nicht klein, wie der Name vermuten lassen würde. Im vorderen Teil, beginnend am ehemaligen Kino „Urania 70“, schmiegen sich kleine Ladengeschäfte aneinander. Geht man die Straße weiter Richtung Markt, folgen die lebendigen Restaurants der Italiener und schließlich übernehmen Cafés und urige Kneipen den Platz der Straße.

Sobald es draußen wärmer wird, stellen die Wirte Tische und Stühle raus. Dann sitzen die Hallenser und ihre Gäste, in kuschelige Decken gehüllt, und schlürfen Kaffee, Latte Macchiato oder eine heiße Schokolade.

Wer um die Mittagszeit die Straße entlang schlendert, der sieht vielleicht die Inhaber des kleinen Antiquitätenladens im Restaurant gegenüber sitzen, wo sie ihre Mittagspause genießen. Oder sie sehen einen anderen Inhaber vor seinem Geschäft, vertieft in ein Gespräch mit Kunden. Einer, der in der Kleinen Ulrichstraße sein Ladengeschäft betreibt, ist der Sattlermeister Karsten Weidner.

Schon als Kind bastelte Karsten Weidner gern. Aufgewachsen in Halle, am Rosengarten, interessierte er sich zudem für den Schiffsmodellbau. Mit sechzehn und auf der Suche nach einer Lehrstelle, stieß er auf den Sattlermeister Stroisch. Gleichermaßen anerkannt bei Kollegen und Kunden betrieb der gemeinsam mit einem Gesellen seinen Betrieb am Reileck. Karsten Weidner wurde sein Lehrling und profitierte davon, dass Stroisch – „ein Sattler der alten Schule“ – sein Wissen teilte. Die schulische Ausbildung fand in Weida bei Gera statt, wo Karsten Weidner zeitweise im Internat lebte.

Es heißt „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“, und auch Karsten Weidner beschrieb die Arbeit im Lehrbetrieb als phasenweise sehr anstrengend. Mit Gummi und Lederriemchen wurden in großer Stückzahl und termingerecht Dachgepäckträger für die Konsumgüterproduktion der Marke „Trabant“ gefertigt. Auch Bettenschutzgurte für die Schlafwaggons fertigten Stroisch und seine beiden Mitarbeiter an.

Gegründet wurde der Betrieb übrigens im Jahr 1889 vom Sattlermeister Emil Vogel. Der hatte den industriellen Aufschwung Mitteldeutschlands in der Stadt Halle genutzt. Die Aufträge für die in unmittelbarer Nähe gelegene „Reilskaserne“,  für das damalige Landgestüt „Kreuz Vorwerk“ und für die vielen Anspannhöfe brachten dem Meister nicht nur viel Arbeit sondern auch große Anerkennung ein.

Ob durch die Kriege oder den natürlichen Lauf der Zeit – auch das Handwerk hat immer wieder schwere Zeiten hinnehmen müssen. Lag nach dem Zweiten Weltkrieg die ganze Wirtschaft am Boden und fehlte es überall an allem, so gab es zu DDR-Zeiten zwar viele Aufträge, doch herrschte Mangelwirtschaft. Zu oft fehlte das notwendige Material. Der Schaufensterbereich des Geschäfts am Reileck blieb daher jahrzehntelang  geschlossen, gearbeitet wurde hinten in der Werkstatt.

Karsten Weidner schloss seine Ausbildung Ende der achtziger Jahre als einer der Besten seines Jahrgangs ab. Die Handwerkskammer belohnte ihn daraufhin mit einer Reise nach Polen. Er blieb zunächst  im Betrieb und erlebte dort die turbulente Wendezeit. Der große Zugriff auf neue Waren führte dazu, dass Eberhardt Stroisch sein Schaufenster wieder öffnen konnte. Fortan verkaufte er neben Reitsachen auch Taschen und Geldbörsen. Doch dem Aufschwung sollte bald eine schwierige Zeit folgen. Was Karsten Weidner nach der Rückkehr aus seinem Zivildienst vorfand, war ein am Boden liegendes Handwerk. Plötzlich bevorzugten die Leute billig produzierte Massenware aus dem Ausland. Karsten Weidner blieb nichts anderes übrig, als sich eine neue Arbeit zu suchen.

Es folgte für ihn eine zehnjährige Zeit im Handel. Am Ende war er dort viel zu viel unterwegs, und der Druck auf ihn wurde immer größer.

Schon oft habe ich erlebt, dass Menschen, die kraftvoll und zufrieden wirken, eine Sache verbindet. An einem Punkt in ihrem Leben scheinen sie sich, bewusst oder unbewusst, ihrer Kindertage oder der Dinge, die ihnen früher Kraft und Freude schenkten, zu besinnen.

Auch bei Karsten Weidner war das so. Er erzählt, wie er sich seiner Wurzeln erinnerte. Als er hörte, dass Eberhard Stroisch einen Nachfolger  suchte, dachte er bei sich „jetzt oder nie“.

In Bayern machte er seinen Meisterabschluss und am 1. Januar 2005 übernahm Karsten Weidner den Betrieb in vierter Generation.

Als Hommage an eine Reise, die ihn unter anderem in die Hafenstadt Otrante geführt hatte, nannte er seinen Laden zunächst „Luna de Oriente“. Es waren eben solche Städte, wie die italienische Hafenstadt, in die mit Kreuzfahrern die ersten Kunsthandwerker aus dem Orient  kamen. Wissenschaftler und Künstler folgten und brachten viele neue Einflüsse in unsere mittelalterliche Kultur. Auch die beliebte Reitkunst entstand durch die mitgebrachten Araberpferde und ihre Reiter.

Vor neun Jahren zog Karsten Weidner mit dem Geschäft vom Reileck in die Kleine Ulrichstraße. Groß ist das Schaufenster, welches den Passanten einen offenen Blick in den Laden bietet. Regelmäßig dekoriert Weidner sein Schaufenster neu. Zu Beginn des Jahres wählte er Scheren und schrieb dazu den folgenden Spruch auf eine Tafel: „Wo die Schere den Faden zerschneidet, beginnt auch ein neuer Anfang.“
Karsten Weidner hat den Neuanfang gewagt und viel gewonnen. „Es hat was, für sich sein eigener Chef zu sein“, meint er und beschreibt dieses Gefühl mit den Worten „geerdet zu sein“. Den eigenen Rhythmus bestimmen zu können und mit Leidenschaft tätig zu sein, findet er gut. Jeder Tag bringt neue Herausforderungen und neue Menschen, die in seinen Laden kommen. Karsten Weidner mag es, wenn Kunden ihre Stücke zur Reparatur bringen und mit ihm die damit verbundenen Geschichten teilen. Manche brächten auch eigene Entwürfe und Ideen mit, die er gern für sie umsetzt, wie eine Tasche, die er an diesem Tag mit Halbmondmesser und Falzbein bearbeitet.

„Heute werden die meisten Stücke aus Rindsleder gefertigt“, erzählt er uns. Hier in Deutschland lagern die Häute bis zu drei Monate in Gerbergruben. Die Struktur verändert sich und das Leder bleibt haltbar und schimmelt nicht.

Karsten Weidner ist ein ruhiger Mann, Mitte Vierzig. Wenn er redet, wählt er die Worte mit Bedacht. Während er nach alter Handwerkskunst arbeitet, ertönt klassische Musik aus dem Radio. Vieles näht er von Hand, Stich für Stich, konzentriert und akkurat. Wenn die Naht nicht ganz gerade ist, „dann mache  ich sie nochmal auf“, erzählt er.

Mit Geräten, die teilweise über hundert Jahre alt sind, wie die Tellerstanze, bearbeitet Weidner sein Material. Neben Taschen fertigt er Gürtel und Würfelbecher, er repariert Lederwaren aller Art oder bezieht Stühle mit Antikleder neu. Auch Reitsättel sind möglich, eine hohe Kunst, die dafür sorge, dass Pferd und Reiter kein Schaden zugefügt wird.

Damals, 2005, verstanden viele Menschen in Halle den Sinn hinter „Luna de Oriente“ und dem Logo mit dem Halbmondmesser nicht. Deshalb trägt sein grünes Logo heute den Schriftzug „Sattlerei Weidner“. Allein ist Karsten Weidner in seinem Laden übrigens nicht. Mit dabei ist sein Zwergrauhaardackel namens Lars, der meist gemütlich in seinem Körbchen im Regal liegt. Ich sage doch: „Eine runde Sache“.

Ricarda Braun und Berit Ichite danken Karsten Weidner. Ricarda fühlte sich in den Werkunterricht zurück versetzt und ich frage mich immer noch, welche fernen Orte wohl die alten Koffer in seinem Laden gesehen haben.

(Text: Berit Ichite, Fotos: Ricarda Braun)

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