Ulrike Kort

Wer kennt sie nicht, die Frage aller Zeiten, die da lautet: „Und was arbeitest Du?“ Manche fürchten sich so vor dieser Frage, dass sie (wie ich selbst erfahren konnte) nicht zu Klassentreffen gehen.

Wäre es nicht schöner, wenn die Frage lauten könnte: „Und was MACHST Du?“

Immer mehr junge Leute gehen heute selbstgewählt in eine Freiberuflichkeit oder schaffen sich ihren eigenen Beruf. Sie möchten nicht vierzig und mehr Stunden pro Woche arbeiten gehen, sondern entscheiden sich bewusst für eine geringere Stundenzahl und verzichten damit freiwillig auf einen Teil ihres Gehaltes.

Auch uns, Ricarda Braun und mir, ist unsere Freiheit zu wählen und zu entscheiden sehr wichtig. Für uns war es also nichts Besonderes, an einem Donnerstag Morgen (ganz entspannt gegen 10 Uhr) einen „Termin“ mit meiner Freundin Ulrike zu vereinbaren. Wir wollten Ulrike unbedingt mit in unser Lebenswege-Projekt nehmen. Denn Ulrike arbeitet nicht – zumindest nicht für Geld. Doch MACHEN macht sie viel.

„Manche denken, ich hätte mich irgendwann einmal dazu entschieden Hausfrau zu sein“, sagt sie bei unserem Gespräch. Wir sitzen hoch oben auf ihrem Balkon und genießen die warmen Sonnenstrahlen und den weiten Blick über die Hinterhöfe.

Mit ihren vierzig Jahren freut sie sich auf das Älterwerden, „denn ihr Leben werde seit einigen Jahren immer schöner“. Stets lerne sie neue Dinge kennen und so habe sie das Gefühl, „dass da noch ganz viel Neues kommt“. Sie ist sich bewusst, dass es auch ein Stück Luxus ist, den der gutbezahlte Job des Mannes ihr bietet. Nämlich diese Möglichkeit, nicht arbeiten zu müssen.

Als Kind war Ulrike keines von den Kindern, die immer wussten, was sie werden wollen. Sie machte ihr Abitur und war seit einer ersten Reise nach Norwegen mit 15 Jahren davon überzeugt, nach Norwegen zu gehen.
Die Eltern dachten, Ulrike würde nach einem Jahr als Au-pair wieder kommen. Doch die Tochter hatte einen anderen Plan. Schon im Vorfeld lernte sie mittels norwegischer Kinderbücher und mit einem Wörterbuch Norwegisch, so gut es ging. Sie ackerte sich im Selbststudium durch und konnte so den Klassiker „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“ vor ihrer Abreise auf Norwegisch lesen. Der Klang der Sprache kam im Land dazu und außerdem bat Ulrike ihre Gastfamilie und alle, sie immer zu korrigieren.

Norwegen, so fand Ulrike damals, sei viel schöner als Deutschland und so setzte sie alles daran, um in dem Land bleiben zu können. Noch während des Au-pair-Lebens suchte sie sich einen Job, um die Bleibebedingungen zu erfüllen.

Sie fing als Kindergartenassistentin an. In Norwegen kann jeder, der sich dazu berufen fühlt und sich eignet, in Zusammenarbeit mit einem studierten „Vorschulpädagogen“ im Kindergarten arbeiten. „Das habe den Vorteil, dass in Norwegen Leute diese Arbeit machen, die das wirklich einfach gerne machen“, meint Ulrike.

Anfangs unsicher und unerfahren konnte Ulrike viele wichtige Erfahrungen sammeln, Neues lernen, Sicherheit gewinnen und Freude an der verantwortungsvollen Arbeit mit den Kindern finden. Eine große Rolle spielten dabei auch die Kollegen, mit denen Ulrike in dem kleinen Waldkindergarten zusammenarbeitete.

Um neben der Arbeit neue Leute kennen zu lernen, suchte Uli für sich und ihre Geige ein kleines Orchester. Bei einer Uraufführung eines modernen, norwegischen Stückes kam es wie es kam – Ulrike verliebte sich in einen norwegischen Chorsänger.

Selbst behütet in Halle an der Saale aufgewachsen, erkannte Ulrike die persönlichen Schwierigkeiten ihres Freundes lange nicht. Total unerfahren hoffte sie auf diese Liebe. Als sie schwanger wurde und der Sohn da war, blieb der Wunsch auf eine heile Vater-Mutter-Kind Welt. Dabei wohnte sie außerhalb von Oslo allein mit dem Sohn in einem kleinen Haus direkt an einem Fjord.
Als der Sohn in den Kindergarten kam, fing Ulrike ein Studium an. Die Idee, später als Übersetzerin oder Lehrerin zu arbeiten, entstand. Doch die Notwendigkeit nach Stabilität und Geld auf dem Konto zwangen sie schließlich zu pausieren und sich einen Job zu suchen.

Bei einem ökologischen Versandhandel arbeitete sie hart und viel, teilweise im Lager. Dann kippte die private Situation gänzlich, alles spitzte sich dramatisch zu. Es war die Anwältin, die ihr schließlich eine Rückkehr nach Deutschland empfahl. Acht Jahre, nachdem Ulrike Deutschland verließ, kehrte sie schließlich mit ihrem kleinen Sohn zurück.

„Zurück (nach Deutschland) zu kommen, war nicht der Plan“, sagt Ulrike und meint: „ich wollte ja in Norwegen bleiben.“ Ich kann diesen und den folgenden Satz gut nachvollziehen, denn es ging mir damals ähnlich, als ich von London nach Halle zurück kehren musste. „Aus heutiger Sicht ist es das Schwierigste und zugleich Beste, das ich jemals gemacht habe.“
Es dauerte Jahre, bis Ulrike alle Sachen für sich und ihren Sohn aufarbeiten konnte. Heute ist der Sohn erwachsen und geht seinen eigenen Weg. Sie habe „in ihrem Leben genug Aufregung gehabt und brauche es jetzt ganz still und ruhig…“, sagt Ulrike zu uns an diesem Tag.

Wir wechseln den Balkon und genießen die leckere Gurkensuppe mit Lachs zum Mittag. Kochen mag Ulrike sehr. Ab und an käme eine Freundin zum Essen vorbei, sagt sie und erzählt, wie gehetzt doch viele seien. Aufgerieben zwischen den eigenen Ansprüchen, der Arbeit und der Familie. Angenehm entspannt ist es bei Ulrike. Die große Wohnung strahlt Gemütlichkeit aus, auch dadurch dass nichts „perfekt“ ist. Am wichtigsten sei ihr neben ihrer Familie, ihre Freude am Leben, ihre gute Laune und ihre Gesundheit.

„Aus jeder Niederlage entstehen zwei Siege“, lautet mein Lieblingszitat von Paulo Coelho. Und wer schon einmal eine traurige oder bittere Erfahrung erleben musste, konnte vielleicht auch erleben, wie das Universum alles Leid wieder ausgleicht.
Ein halbes Jahr nach ihrer Rückkehr begegnete Ulrike in Halle einem jungen Mann. Auch er hatte eine Erfahrung gemacht, die dazu führte, dass er eine Regel durchsetzte: wir lernen uns ein Jahr kennen, schauen wie es läuft und frühestens dann können wir zusammen ziehen. Sie zogen zusammen.
Und sie bekamen Kinder. Zwei Söhne, kurz hintereinander.
Jahrelang pendelte Uli zwischen Paulus- und Gütchenspielplatz. Es waren anstrengende Zeiten, die Familie wohnte im dritten Stock und der Mann war viel im Ausland und weit weg. Trotzdem versuchte sie damals, das Studium in Halle fortzusetzen, bis sie merkte, dass es sich einfach nicht richtig anfühlte. Sie traf eine Entscheidung, brach ab und heute sind die Jungs aus dem Gröbsten raus.

Nach ihrer Erzählung dauerte es eine Weile, bis Uli ihrem Mann vertrauen konnte und seinen Träumen das Ernsthafte darin abnehmen konnte. Ein Jahr nach ihrer Hochzeit trafen beide eine mutige Entscheidung und kauften ein Haus.

Die Bauleitung vor Ort wurde durch Uli unterstützt, die „ja immer da war“. Im Tun und auf diesem Weg wurde sie immer selbstbewusster. Sie arbeitete auf dem Bau mit, schliff Türen ab, klopfte Putz ab und schleppte eimerweise Bauschutt durch’s Haus. Und als die Zeit bis zum Einzug der neuen Mieter immer knapper wurde, blieben bei einer Besprechung alle Blicke an ihr hängen. Es ging um das Malern zweier Wohnungen und ihr „ich hab das noch nie gemacht“ wurde mit „oh, das kann man lernen“ beantwortet. Also malerte Uli zwei große Wohnungen, eine unglaublich anstrengende Zeit. Morgens brachte sie die Kinder in den Kindergarten, legte los und malerte bis zum Nachmittag. Dann holte sie die Kinder ab und abends ging es im Licht der Stehlampe weiter.

Eine Zerreißprobe für die Ehe, denn als die eigene Wohnung fertig war, waren alle mit den Nerven am Ende. Unglaublich viel Arbeit steckt in dem Haus und im Grundstück. Auch den Garten legte Uli an und rodete dafür Stück für Stück. Erdhaufen um Erdhaufen wurde gesiebt und nach und nach entstand ihr kleines Idyll. Heute fühlen sich dort nicht nur die zwei Hasen wohl.

Nach all der Zeit könne sie damit umgehen, was Leute von ihr denken. Immer häufiger treffe sie nun Menschen, die sie fragen, was sie mache und sich für sie freuen „dass wir uns das als Familie leisten können“.
Jeder von uns geht seinen eigenen Weg und es ist wunderbar, wenn wir dabei mit uns ins Reine kommen, glücklich sind und unseren Frieden finden. Wäre es nicht wunderbar, wenn wir einfach jeden Weg akzeptieren könnten?
Auch über das Thema Rente sprechen wir an jenem Tag, der sich langsam zum Nachmittag neigt. Da würde sich eh so viel ändern in den nächsten Jahren meint Ulrike und da ist wieder eine Gemeinsamkeit.
Denn warum soll ich nicht das, was ich gerne tue, mein Tätig-Sein auch tun, wenn ich „Rentner“ bin? Was bedeutet das überhaupt, Rentner zu sein? Ulrike hat ihren Vater sterben sehen, ein jahrelanges Sterben, das keine Zeit zum Genießen einer Rente ließ. Ein schmerzhafter Prozess, der auch dazu verhalf, sich selbst liebevoll anzunehmen und die eigenen Prioritäten konsequent zu setzen.

„Heutzutage fühle ich mich oft richtig gut“, sagt Uli. Von den Lehrern ihrer Kinder bekomme sie viel Anerkennung, die ihr freiwilliges Engagement zu schätzen wissen. Und das wohl schönste Kompliment? Das kommt von ihrem Mann: „Es ist einfach schön, nach Hause zu kommen.“ Applaus gibt es auch, denn Ulrike ist Mitglied im Laien-Orchester der Paulusgemeinde.

Und die Kinder? Ist es wichtig, dass eine Mutter im klassischen Sinn arbeitet? Unsere Kinder machen uns Eltern über unser Wesen fest und als Trauerrednerin kann ich nur bestätigen, dass die Arbeit nur ganz selten wirklich von Bedeutung ist. Es sind vielmehr die persönlichen Bindungen und die Liebe, die wir gegeben haben, die zählen. Wie schön ist es da zu sehen und natürlich ist dies auch eine Errungenschaft unserer Zeit, dass die neue Generation unserer Kinder freier im Kopf ist und sich wahrhaftig Gedanken über den Sinn des eigenen Lebens(weges) machen kann.

Mit den Jahren hat Uli Frieden mit ihrem Weg gemacht, sie ist bei sich angekommen. Übrigens: manchmal, ja manchmal, arbeitet Ulrike auch für Geld. Wenn sie zum Beispiel ein Geigenprojekt in einer Schule begleitet. Einfach weil sie will und nicht, weil sie muss.

Und wie sieht die Zukunft aus? Wer weiß. Ulrike ist offen für ihren Weg, wie auch immer er (noch) aussieht. „To be or not to be“ ist für Ulrike Kort keine Frage mehr. Sie hat sich entschieden.

Ricarda Braun und ich danken Ulrike Kort. Für dieses überraschend aufwühlende, tiefgreifende Gespräch. Und für die Konzertkarten. Wir sehen uns wieder.

(Text: Berit Ichite, Fotos: Ricarda Braun)

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